Mentaltraining, Mentalcoaching und Mindset-Arbeit sind längst nicht mehr nur im Sport zuhause. Viele nutzen es für Motivation, Fokus, Selbstvertrauen oder um „mental stärker“ zu werden – und das kann richtig wirksam sein.
Vielleicht kennst du das: Du hast schon viel verstanden. Du weißt, welche Gedanken dir nicht guttun. Du hast Tools – Atemübungen, Meditation, Affirmationen, vielleicht sogar ein paar Strategien aus dem Mentaltraining. Und trotzdem veränderst sich wenig. Kommt dir das bekannt vor?
Du nimmst dir vor, ruhiger zu bleiben – und merkst im Gespräch, wie dein Körper eng wird und du wieder gereizt bist, viel schärfer reagierst als gewollt oder gar nichts mehr sagst. Du willst Grenzen setzen – und hörst dich „passt eh“ sagen, obwohl innerlich alles dagegen spricht. Du willst abends abschalten – und bist trotzdem wieder am Handy, am Planen, am Grübeln. Wo rutschst du am schnellsten in diesen Autopiloten? In Gesprächen? Bei Druck? Bei Nähe?
Wenn du dich darin wiedererkennst, dann ist das kein Mangel an Willenskraft. Sondern hier wird oft an der falsche Stelle angesetzt. In diesem Artikel zeige ich dir: Was Mentaltraining wirklich gut kann, warum es bei den meisten Persönlichkeitsentwicklungsthemen wie Stress, innere Unruhe oder alten Mustern an Grenzen stößt – und körperorientierte Verfahren genau dort ansetzen.
Wofür Mentaltraining und Mentalcoaching sehr gut ist - und warum es dafür gemacht ist
Mentaltraining arbeitet mit dem was du bewusst steuern kannst z.B. die Aufmerksamkeit lenken, innere Bilder verändern, Selbstgespräche steuern, Ziele klar verfolgen. Diese Werkzeuge sind besonders stark, wenn es um zielgerichtete Verhaltensweisen geht – dort, wo es ein klares „Hin zu“ gibt. In der Psychologie sprechen wir hier von kognitiver Kontrolle und exekutiven Funktionen – also Fähigkeiten wie Planen, Fokussieren und bewusstes Entscheiden.
Ein klassisches Beispiel ist der Sport: Eine Skifahrerin visualisiert eine Abfahrt, trainiert Timing, Linie, Bewegungsabläufe, bereitet sich auf Drucksituationen vor. Das Gehirn kann so im realen Setting diese Abläufe leichter abrufen, gerade unter Druck. Das ist besonders wirksam, wenn die Aufgabe bzw. das Ziel klar definiert ist und die Abläufe sind wiederholen. Ähnlich ist es bei Präsentationen, Prüfungen oder wichtigen Gesprächen: Mentaltraining hilft, den Fokus zu halten, sich innerlich auszurichten und sich so auf eine abrufbare Leistungssituation vorzubereiten.
Auch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, die im Coaching oft Teil des Mentaltrainings sind, haben hier ihren Platz: Sie bringen dich zurück in die Gegenwart, reduzieren kurzfristig Stress und schaffen Raum, um wieder handlungsfähig zu werden. Super sinnvoll, wenn dein System mitspielt.
Und genau deshalb ist Mentaltraining so beliebt: Es gibt Struktur, es ist nachvollziehbar, es ist übe-bar. Du lernst, deinen inneren Film zu beeinflussen – und das kann enorm hilfreich sein.
Nur: Nicht jedes Thema funktioniert wie eine Skiabfahrt auf einer definierten Strecke. Vor allem dann nicht, wenn es um so komplexe Themen wie Stressmuster geht und dein Nervensystem im Inneren auf Alarm steht. Und genau da kippt’s: vom Ich kann steuern zu Es steuert mich.

Warum reine Kopfarbeit bei Stressmustern oft nicht an die Wurzel kommt
Viele Themen, die Menschen unter „Persönlichkeitsentwicklung“ einordnen – Selbstvertrauen gewinnen, Stressbewältigung, alte Muster auflösen, sich mehr Zufriedenheit & Gelassenheit wünschen, angemessen Grenzen setzten usw. – sind selten reine Wissensprobleme. Die meisten wissen sehr gut, was „sinnvoll“ wäre. Das Problem ist eher: In bestimmten Momenten fühlt es sich innerlich nicht möglich an. Und dann denkst du dir vielleicht: „Warum kann ich das nicht einfach umsetzen?“ Was stimmt mit mir nicht? Ehrliche Antwort: nichts, du bist genau richtig so!
Das liegt daran, dass Mentaltraining häufig ein Top-down-Prozess ist. Top-down heißt: Du nutzt bewusste Gedanken und Konzepte, um innere Prozesse zu steuern. Eine geführte Entspannungsübung die „dich ruhig denkt“ Also versuchst du dich mit einer Affirmation und schöner Musik im Hintergrund zu beruhigen. Oder sagst dir vor „Ich bin sicher. Ich kann das.“
Verstehe mich nicht falsch, an diesen Übungen ist nichts falsch und manchmal funktionieren sie wunderbar. Das ist ein mächtiger Weg – solange dein Nervensystem in einem Zustand ist, in dem es diese Information auch „aufnehmen“ kann. Aber wenn dein Körper bereits überflutet mit Stresshormonen ist und auf Alarm umgeschalten hat, funktionieren diese Methoden nicht mehr. Es kommt einfach nicht im Körper an. Und dann wird’s frustrierend – sooo nachvollziehbar oder?
Denn es gibt eine zweite Richtung, die im Alltag oft viel stärker ist: Bottom-up. Bottom-up bedeutet: Informationen kommen zuerst aus dem Körper und den Sinneswahrnehmungen – über Atmung, Muskelspannung, Herzschlag, innere Enge, Hitze, Kälte, Druck – und werden dann im Gehirn zu Bedeutungen verarbeitet. Diese Signale werden sehr schnell verarbeitet – bevor du darüber nachdenken kannst. Das ist evolutionär sinnvoll: Ein System, das erst lange kognitiv analysiert, ob Gefahr besteht, hat schlechtere Überlebenschancen. Stell dir vor du musst erst darüber nachdecken ob ein Bärenangriff jetzt bedrohlich ist oder nicht und abwägen, was jetzt alles nötig ist um die Gefahr zu überlegen. Der Bär hätte seine Freude mit dir. Spass bei Seite, diese biologisch in uns angelegten Überlebensreaktionen sind immer noch in uns angelegt und laufen automatisiert ab.
Hier zeigt sich eine typische Alltagsszene: Du gehst in ein Meeting, in dem du eigentlich ruhig bleiben möchtest. Du hast dir vorgenommen, sachlich zu argumentieren. Aber sobald jemand einen bestimmten Ton anschlägt oder dich unterbricht, verändert sich etwas: Die Schultern gehen hoch, der Atem wird flacher, der Bauch wird fest. Und ehe du dich versiehst, bist du entweder im Gegenangriff, in der Rechtfertigung oder im Rückzug. Danach fragst du dich: „Warum habe ich das wieder so gemacht? Ich wollte doch anders.“
Das ist der Punkt, an dem viele beginnen, an sich zu zweifeln – dabei ist es oft ein ganz anderer Mechanismus: Dein System reagiert nicht auf deinen Plan, sondern auf das, was es als Bedrohung oder Unsicherheit interpretiert. Der bottom-up Alarm wird aktiviert und der top-down Prozess wird schwächer. Im Moment selbst fühlt es sich so an, als ob das System übernimmt und wir nicht mehr klar denken und handeln können. Biologisch kann man sich das so erklären: bei hoher Aktivierung des Alarmsystems steht dem Gehirn weniger Kapazität, weniger Sauerstoff, für differenziertes Denken, Empathie und flexible Problemlösung zur Verfügung. Dein System kämpft in diesem Moment gegen den Bären. Und deshalb hat das nichts mit Willenskraft zu tun, sondern damit, dass dein System dich wieder in Sicherheit bringen möchte. Wenn du ehrlich bist: Wo kämpfst du gerade „gegen den Bären“, obwohl es „nur“ Alltag ist?

Stress- und alte Muster können hartnäckig sein - Mindset Arbeit hilft hier nicht
enn wir über Stress sprechen, denken wir schnell an äußere Faktoren: To-dos, Verantwortung, Kolleg:innen, nervige Vorgesetzte, wirtschaftliche Unsicherheit, private Belastungen. Das alles sind reale Auslöser. Aber biologisch betrachtet entsteht Stress nicht durch die Liste in deinem Kalender, sondern durch die Frage, die dein autonomes Nervensystem permanent beantwortet:
Bin ich gerade in Sicherheit – oder bin ich in Gefahr und brauche Schutz?
Dein autonomes Nervensystem scannt deine Außenwelt und deine Innenwelt. Es registriert Stimme, Mimik, Tempo, Nähe, Erwartungen – und gleichzeitig Körpersignale wie Atem, Herzschlag, Muskeltonus. Wenn es Gefahr wittert, schaltet es in eine bewährte Schutzreaktionen um. Manche Menschen werden dann schneller und unkonzentrierter, kontrollierter und perfektionistischer, lauter und sogar aggressiver. Andere werden still, angepasst oder sind wie „ganz weit weg“. Wieder andere geraten in Grübeln und Gedankenschleifen – nicht, weil sie „zu verkopft“ sind, sondern weil der Kopf versucht, Kontrolle herzustellen, wenn sich innerlich etwas unsicher anfühlt.
Du erkennst das im Alltag oft sehr konkret: Enge in der Brust, Kloß im Hals, Druck im Bauch, Mundkiefer zusammenpressen, flacher Atem. Oder das Gefühl, innerlich getrieben zu sein, obwohl du eigentlich nur eine E-Mail beantworten wolltest. Und wenn du das merkst: Versuchst du dann noch mehr zu „funktionieren“?
Wichtig ist: Diese Reaktionen sind nicht „falsch“. Kurzfristig helfen sie. Sie mobilisieren Energie, fokussieren Aufmerksamkeit, bereiten den Körper auf Handlung vor. Problematisch wird es, wenn der Alarmzustand zu oft oder zu lange aktiv bleibt – oder wenn er in Situationen anspringt, die objektiv keine Gefahr sind, sich aber innerlich wie Gefahr anfühlen.
Und hier kommen alte Muster ins Spiel: Viele Stressreaktionen sind gelernt und gespeichert.
Beispiele, die ich in Coachings oft höre:
Diese Muster sind nicht „schlechte Gedanken“. Sie sind oft körperlich verankerte Reaktionsketten. Und genau deshalb reicht es manchmal nicht, sie umzudenken. Du kannst sie reframen – und trotzdem reagiert dein Körper schneller. Ziemlich unfair – wirkt aber logisch, wenn man’s einmal verstanden hat.
Diese Muster waren einmal Schutz. Heute sind sie oft ein Käfig – und dein Körper ruft sie trotzdem ab, weil er sie als „bewährt“ gespeichert hat.
Das erklärt, warum Affirmationen wie „Ich bin ruhig und gelassen“ manchmal verpuffen. Nicht, weil der Satz schlecht ist, sondern weil dein System gerade nicht im Modus ist, in dem es neue Informationen integriert. Wenn innen Alarm läuft, zählt zuerst: Sicherheit herstellen. Und jetzt kommt der Teil, der den Unterschied macht.
„Der Körper sagt das, was der Verstand nicht ausdrücken kann.“
Gabor Maté
Heute arbeite ich körperorientiert - damit nachhaltige Veränderung möglich wird
Der Grund, warum ich in meiner Arbeit so gerne körperorientiert vorgehe, ist schlicht: Dort liegt oft der Hebel. Körperorientiertes (auch somatisch genannt, Soma= Körper) Coaching setzt genau dort an: nicht nur bei der Geschichte im Kopf, sondern bei dem Zustand, in dem dein System gerade ist und diese Zustände dein Verhalten prägen. Weil was bringt dir das beste Konzept, wenn dein System im Alarmmodus längst „Nein“ sagt?
Körperorientiertes Coaching heißt für mich: Wir nutzen nicht nur den Verstand als Informationsquelle, sondern auch Körperempfindungen – Atem, Spannung, Herzklopfen, Druck, Enge, Temperatur. Das sind keine Nebensachen. Sie zeigen, in welchem Zustand dein Nervensystem gerade ist und welche Schutzprogramme gerade aktiv sind.
Viele Menschen erleben dabei etwas Entscheidendes: Sobald sie wahrnehmen, was im Körper passiert, entsteht Abstand zum Autopiloten. Du bist nicht mehr nur im Muster – du bemerkst es. Und genau dieses Bemerken ist die Voraussetzung dafür, etwas zu verändern. Ein konkretes Beispiel: Jemand will im Job Grenzen setzen, scheitert aber immer wieder. Kognitiv ist alles klar: „Ich darf Nein sagen.“ Doch sobald es ernst wird, passiert im Körper etwas: Hals eng, Magen fest, Herz schneller – und der Satz kommt nicht raus. Wenn ich hier nur mit Argumenten arbeite, verstärke ich oft ungewollt den Druck. Körperorientiert setze ich früher an: Wir nehmen wahr, was passiert, wir regulieren, wir schauen was dein System braucht, um überhaupt in die Lage zu kommen, Grenzen zu setzten. Vielleicht ist es ein Atemzug, vielleicht eine kurze Pause, vielleicht geht es darum zu Lernen dass Wut angemessen ist. Erst dann üben wir Sprache, Klarheit, mentale Ausrichtung.
Was viele dabei überrascht: Sobald Regulation gelingt, verändert sich nicht nur das Gefühl – sondern auch die kognitive Leistungsfähigkeit. Du bist klarer, kreativer, entscheidungsfähiger. Nicht, weil alles gelöst ist, sondern weil dein System weniger Energie in Schutz stecken muss.
Dabei geht es um Regulation – also um die Fähigkeit, zwischen Aktivierung und Ruhe flexibel zu wechseln. Viele Menschen sind nicht zu sensibel oder zu schwach, sondern schlicht über längere Zeit dysreguliert: Der natürliche Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung ist gestört. Dann hilft es nicht, sich noch mehr anzutreiben. Es hilft, die Kapazität des Nervensystems Schritt für Schritt zu erweitern. Nicht spektakulär – langsam, aber wirksam. Wenn Regulation gelingt, wird der Alltag spürbar leichter – und zwar ganz konkret: Du denkst klarer, triffst Entscheidungen einfacher, schläfst oft besser, setzt Grenzen eher, bist präsenter in Beziehungen. Jetzt werden wir kognitiv Leistungsfähiger, das was manche Mentaltraining eigentlich verspricht.
Nicht, weil das Leben dann stressfrei ist, sondern weil du mehr Wahlfreiheit bekommst, statt automatisch in alte Programme zu rutschen.
Die Kombination macht’s: Erst Regulation – dann mentale Übungen
Ich arbeite deshalb gern körperorientiert – nicht als Ersatz für Mentaltraining, sondern als Fundament dafür. Der Verstand bleibt wichtig: um zu verstehen, einzuordnen, Muster zu benennen, neue Entscheidungen zu treffen, Ziele zu klären. Aber wenn wir ihn zu früh einsetzen, versucht er manchmal, einen Zustand zu überreden, der biologisch bereits entschieden hat: Alarm. Autsch.
Die Reihenfolge ist entscheidend. Zuerst braucht es oft einen Schritt in Richtung Sicherheit und Regulation. Dann wird Mentaltraining wieder wirksam: Visualisierung, neue innere Dialoge, konkrete Umsetzungsschritte. Dann entsteht nicht nur ein kurzfristiger Erfolg – sondern eine Veränderung, die auch in schwierigen Momenten hält.
Wenn du dich also in diesem Satz wiedererkennst: „Ich weiß es eh, aber ich mache es nicht“ – dann nimm das als Hinweis, nicht als Urteil. Vielleicht arbeitest du bisher auf der richtigen Ebene, aber in der falschen Reihenfolge. Veränderung ist selten ein Durchbruch, sondern ein Prozess: bemerken, regulieren, neu wählen, wiederholen. Realistisch, machbar, ohne Perfektionsdruck. Kannst du dir erlauben, dass es genau so laufen darf?
Zum Abschluss eine einfache Selbstreflexion, die du direkt in den Alltag mitnehmen kannst: Wenn du das nächste Mal merkst, dass du in ein altes Muster rutschst, frag dich nicht zuerst „Was sollte ich denken?“, sondern: „Was passiert gerade in meinem Körper – und was würde mir jetzt helfen, wieder mehr Sicherheit zu spüren?“
Das ist oft der Beginn von echter, nachhaltiger Veränderung.
Welche Gedanken gehen dir gerade durch den Kopf? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Berichte mir gerne oder schreibe mir eine E-Mail an kontakt@michaela-brugger.com und ich tausche mir gerne mit dir aus.
Deine
Michaela Brugger
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Mentaltraining, Mentalcoaching und Mindset-Arbeit sind längst nicht mehr nur im Sport zuhause. Viele nutzen es für Motivation, Fokus, Selbstvertrauen oder um „mental stärker“ zu werden – und das kann richtig wirksam sein.
Vielleicht kennst du das: Du hast schon viel verstanden. Du weißt, welche Gedanken dir nicht guttun. Du hast Tools – Atemübungen, Meditation, Affirmationen, vielleicht sogar ein paar Strategien aus dem Mentaltraining. Und trotzdem veränderst sich wenig. Kommt dir das bekannt vor?
- „Ich verstehe alles im Kopf … aber sobald es ernst wird, reagiere ich wieder wie früher.“
- „Ich weiß, was ich tun sollte – aber es fühlt sich innerlich nicht sicher an – oder ich mache es einfach nicht“
Du nimmst dir vor, ruhiger zu bleiben – und merkst im Gespräch, wie dein Körper eng wird und du wieder gereizt bist, viel schärfer reagierst als gewollt oder gar nichts mehr sagst. Du willst Grenzen setzen – und hörst dich „passt eh“ sagen, obwohl innerlich alles dagegen spricht. Du willst abends abschalten – und bist trotzdem wieder am Handy, am Planen, am Grübeln. Wo rutschst du am schnellsten in diesen Autopiloten? In Gesprächen? Bei Druck? Bei Nähe?
Wenn du dich darin wiedererkennst, dann ist das kein Mangel an Willenskraft. Sondern hier wird oft an der falsche Stelle angesetzt. In diesem Artikel zeige ich dir: Was Mentaltraining wirklich gut kann, warum es bei den meisten Persönlichkeitsentwicklungsthemen wie Stress, innere Unruhe oder alten Mustern an Grenzen stößt – und körperorientierte Verfahren genau dort ansetzen.
Wofür Mentaltraining und Mentalcoaching sehr gut ist - und warum es dafür gemacht ist
Mentaltraining arbeitet mit dem was du bewusst steuern kannst z.B. die Aufmerksamkeit lenken, innere Bilder verändern, Selbstgespräche steuern, Ziele klar verfolgen. Diese Werkzeuge sind besonders stark, wenn es um zielgerichtete Verhaltensweisen geht – dort, wo es ein klares „Hin zu“ gibt. In der Psychologie sprechen wir hier von kognitiver Kontrolle und exekutiven Funktionen – also Fähigkeiten wie Planen, Fokussieren und bewusstes Entscheiden.
Ein klassisches Beispiel ist der Sport: Eine Skifahrerin visualisiert eine Abfahrt, trainiert Timing, Linie, Bewegungsabläufe, bereitet sich auf Drucksituationen vor. Das Gehirn kann so im realen Setting diese Abläufe leichter abrufen, gerade unter Druck. Das ist besonders wirksam, wenn die Aufgabe bzw. das Ziel klar definiert ist und die Abläufe sind wiederholen. Ähnlich ist es bei Präsentationen, Prüfungen oder wichtigen Gesprächen: Mentaltraining hilft, den Fokus zu halten, sich innerlich auszurichten und sich so auf eine abrufbare Leistungssituation vorzubereiten.
Auch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, die im Coaching oft Teil des Mentaltrainings sind, haben hier ihren Platz: Sie bringen dich zurück in die Gegenwart, reduzieren kurzfristig Stress und schaffen Raum, um wieder handlungsfähig zu werden. Super sinnvoll, wenn dein System mitspielt.
Und genau deshalb ist Mentaltraining so beliebt: Es gibt Struktur, es ist nachvollziehbar, es ist übe-bar. Du lernst, deinen inneren Film zu beeinflussen – und das kann enorm hilfreich sein.
Nur: Nicht jedes Thema funktioniert wie eine Skiabfahrt auf einer definierten Strecke. Vor allem dann nicht, wenn es um so komplexe Themen wie Stressmuster geht und dein Nervensystem im Inneren auf Alarm steht. Und genau da kippt’s: vom Ich kann steuern zu Es steuert mich.

Warum reine Kopfarbeit bei Stressmustern oft nicht an die Wurzel kommt
Viele Themen, die Menschen unter „Persönlichkeitsentwicklung“ einordnen – Selbstvertrauen gewinnen, Stressbewältigung, alte Muster auflösen, sich mehr Zufriedenheit & Gelassenheit wünschen, angemessen Grenzen setzten usw. – sind selten reine Wissensprobleme. Die meisten wissen sehr gut, was „sinnvoll“ wäre. Das Problem ist eher: In bestimmten Momenten fühlt es sich innerlich nicht möglich an. Und dann denkst du dir vielleicht: „Warum kann ich das nicht einfach umsetzen?“ Was stimmt mit mir nicht? Ehrliche Antwort: nichts, du bist genau richtig so!
Das liegt daran, dass Mentaltraining häufig ein Top-down-Prozess ist. Top-down heißt: Du nutzt bewusste Gedanken und Konzepte, um innere Prozesse zu steuern. Eine geführte Entspannungsübung die „dich ruhig denkt“ Also versuchst du dich mit einer Affirmation und schöner Musik im Hintergrund zu beruhigen. Oder sagst dir vor „Ich bin sicher. Ich kann das.“
Verstehe mich nicht falsch, an diesen Übungen ist nichts falsch und manchmal funktionieren sie wunderbar. Das ist ein mächtiger Weg – solange dein Nervensystem in einem Zustand ist, in dem es diese Information auch „aufnehmen“ kann. Aber wenn dein Körper bereits überflutet mit Stresshormonen ist und auf Alarm umgeschalten hat, funktionieren diese Methoden nicht mehr. Es kommt einfach nicht im Körper an. Und dann wird’s frustrierend – sooo nachvollziehbar oder?
Denn es gibt eine zweite Richtung, die im Alltag oft viel stärker ist: Bottom-up. Bottom-up bedeutet: Informationen kommen zuerst aus dem Körper und den Sinneswahrnehmungen – über Atmung, Muskelspannung, Herzschlag, innere Enge, Hitze, Kälte, Druck – und werden dann im Gehirn zu Bedeutungen verarbeitet. Diese Signale werden sehr schnell verarbeitet – bevor du darüber nachdenken kannst. Das ist evolutionär sinnvoll: Ein System, das erst lange kognitiv analysiert, ob Gefahr besteht, hat schlechtere Überlebenschancen. Stell dir vor du musst erst darüber nachdecken ob ein Bärenangriff jetzt bedrohlich ist oder nicht und abwägen, was jetzt alles nötig ist um die Gefahr zu überlegen. Der Bär hätte seine Freude mit dir. Spass bei Seite, diese biologisch in uns angelegten Überlebensreaktionen sind immer noch in uns angelegt und laufen automatisiert ab.
Hier zeigt sich eine typische Alltagsszene: Du gehst in ein Meeting, in dem du eigentlich ruhig bleiben möchtest. Du hast dir vorgenommen, sachlich zu argumentieren. Aber sobald jemand einen bestimmten Ton anschlägt oder dich unterbricht, verändert sich etwas: Die Schultern gehen hoch, der Atem wird flacher, der Bauch wird fest. Und ehe du dich versiehst, bist du entweder im Gegenangriff, in der Rechtfertigung oder im Rückzug. Danach fragst du dich: „Warum habe ich das wieder so gemacht? Ich wollte doch anders.“
Das ist der Punkt, an dem viele beginnen, an sich zu zweifeln – dabei ist es oft ein ganz anderer Mechanismus: Dein System reagiert nicht auf deinen Plan, sondern auf das, was es als Bedrohung oder Unsicherheit interpretiert. Der bottom-up Alarm wird aktiviert und der top-down Prozess wird schwächer. Im Moment selbst fühlt es sich so an, als ob das System übernimmt und wir nicht mehr klar denken und handeln können. Biologisch kann man sich das so erklären: bei hoher Aktivierung des Alarmsystems steht dem Gehirn weniger Kapazität, weniger Sauerstoff, für differenziertes Denken, Empathie und flexible Problemlösung zur Verfügung. Dein System kämpft in diesem Moment gegen den Bären. Und deshalb hat das nichts mit Willenskraft zu tun, sondern damit, dass dein System dich wieder in Sicherheit bringen möchte. Wenn du ehrlich bist: Wo kämpfst du gerade „gegen den Bären“, obwohl es „nur“ Alltag ist?

Stress- und alte Muster können hartnäckig sein - Mindset Arbeit hilft hier nicht
enn wir über Stress sprechen, denken wir schnell an äußere Faktoren: To-dos, Verantwortung, Kolleg:innen, nervige Vorgesetzte, wirtschaftliche Unsicherheit, private Belastungen. Das alles sind reale Auslöser. Aber biologisch betrachtet entsteht Stress nicht durch die Liste in deinem Kalender, sondern durch die Frage, die dein autonomes Nervensystem permanent beantwortet:
Bin ich gerade in Sicherheit – oder bin ich in Gefahr und brauche Schutz?
Dein autonomes Nervensystem scannt deine Außenwelt und deine Innenwelt. Es registriert Stimme, Mimik, Tempo, Nähe, Erwartungen – und gleichzeitig Körpersignale wie Atem, Herzschlag, Muskeltonus. Wenn es Gefahr wittert, schaltet es in eine bewährte Schutzreaktionen um. Manche Menschen werden dann schneller und unkonzentrierter, kontrollierter und perfektionistischer, lauter und sogar aggressiver. Andere werden still, angepasst oder sind wie „ganz weit weg“. Wieder andere geraten in Grübeln und Gedankenschleifen – nicht, weil sie „zu verkopft“ sind, sondern weil der Kopf versucht, Kontrolle herzustellen, wenn sich innerlich etwas unsicher anfühlt.
Du erkennst das im Alltag oft sehr konkret: Enge in der Brust, Kloß im Hals, Druck im Bauch, Mundkiefer zusammenpressen, flacher Atem. Oder das Gefühl, innerlich getrieben zu sein, obwohl du eigentlich nur eine E-Mail beantworten wolltest. Und wenn du das merkst: Versuchst du dann noch mehr zu „funktionieren“?
Wichtig ist: Diese Reaktionen sind nicht „falsch“. Kurzfristig helfen sie. Sie mobilisieren Energie, fokussieren Aufmerksamkeit, bereiten den Körper auf Handlung vor. Problematisch wird es, wenn der Alarmzustand zu oft oder zu lange aktiv bleibt – oder wenn er in Situationen anspringt, die objektiv keine Gefahr sind, sich aber innerlich wie Gefahr anfühlen.
Und hier kommen alte Muster ins Spiel: Viele Stressreaktionen sind gelernt und gespeichert.
Beispiele, die ich in Coachings oft höre:
- Du sagst nichts, wenn jemand dominant wird – weil Rückzug früher sicherer war.
- Du passt dich an – weil Konflikt früher Risiko bedeutete.
- Du wirst perfektionistisch – weil Fehler früher Kritik oder Liebesentzug nach sich zogen.
- Du kontrollierst alles – weil Unsicherheit sich im Körper wie Gefahr anfühlt.
Diese Muster sind nicht „schlechte Gedanken“. Sie sind oft körperlich verankerte Reaktionsketten. Und genau deshalb reicht es manchmal nicht, sie umzudenken. Du kannst sie reframen – und trotzdem reagiert dein Körper schneller. Ziemlich unfair – wirkt aber logisch, wenn man’s einmal verstanden hat.
Diese Muster waren einmal Schutz. Heute sind sie oft ein Käfig – und dein Körper ruft sie trotzdem ab, weil er sie als „bewährt“ gespeichert hat.
Das erklärt, warum Affirmationen wie „Ich bin ruhig und gelassen“ manchmal verpuffen. Nicht, weil der Satz schlecht ist, sondern weil dein System gerade nicht im Modus ist, in dem es neue Informationen integriert. Wenn innen Alarm läuft, zählt zuerst: Sicherheit herstellen. Und jetzt kommt der Teil, der den Unterschied macht.
„Der Körper sagt das, was der Verstand nicht ausdrücken kann.“
Gabor Maté
Heute arbeite ich körperorientiert - damit nachhaltige Veränderung möglich wird
Der Grund, warum ich in meiner Arbeit so gerne körperorientiert vorgehe, ist schlicht: Dort liegt oft der Hebel. Körperorientiertes (auch somatisch genannt, Soma= Körper) Coaching setzt genau dort an: nicht nur bei der Geschichte im Kopf, sondern bei dem Zustand, in dem dein System gerade ist und diese Zustände dein Verhalten prägen. Weil was bringt dir das beste Konzept, wenn dein System im Alarmmodus längst „Nein“ sagt?
Körperorientiertes Coaching heißt für mich: Wir nutzen nicht nur den Verstand als Informationsquelle, sondern auch Körperempfindungen – Atem, Spannung, Herzklopfen, Druck, Enge, Temperatur. Das sind keine Nebensachen. Sie zeigen, in welchem Zustand dein Nervensystem gerade ist und welche Schutzprogramme gerade aktiv sind.
Viele Menschen erleben dabei etwas Entscheidendes: Sobald sie wahrnehmen, was im Körper passiert, entsteht Abstand zum Autopiloten. Du bist nicht mehr nur im Muster – du bemerkst es. Und genau dieses Bemerken ist die Voraussetzung dafür, etwas zu verändern. Ein konkretes Beispiel: Jemand will im Job Grenzen setzen, scheitert aber immer wieder. Kognitiv ist alles klar: „Ich darf Nein sagen.“ Doch sobald es ernst wird, passiert im Körper etwas: Hals eng, Magen fest, Herz schneller – und der Satz kommt nicht raus. Wenn ich hier nur mit Argumenten arbeite, verstärke ich oft ungewollt den Druck. Körperorientiert setze ich früher an: Wir nehmen wahr, was passiert, wir regulieren, wir schauen was dein System braucht, um überhaupt in die Lage zu kommen, Grenzen zu setzten. Vielleicht ist es ein Atemzug, vielleicht eine kurze Pause, vielleicht geht es darum zu Lernen dass Wut angemessen ist. Erst dann üben wir Sprache, Klarheit, mentale Ausrichtung.
Was viele dabei überrascht: Sobald Regulation gelingt, verändert sich nicht nur das Gefühl – sondern auch die kognitive Leistungsfähigkeit. Du bist klarer, kreativer, entscheidungsfähiger. Nicht, weil alles gelöst ist, sondern weil dein System weniger Energie in Schutz stecken muss.
Dabei geht es um Regulation – also um die Fähigkeit, zwischen Aktivierung und Ruhe flexibel zu wechseln. Viele Menschen sind nicht zu sensibel oder zu schwach, sondern schlicht über längere Zeit dysreguliert: Der natürliche Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung ist gestört. Dann hilft es nicht, sich noch mehr anzutreiben. Es hilft, die Kapazität des Nervensystems Schritt für Schritt zu erweitern. Nicht spektakulär – langsam, aber wirksam. Wenn Regulation gelingt, wird der Alltag spürbar leichter – und zwar ganz konkret: Du denkst klarer, triffst Entscheidungen einfacher, schläfst oft besser, setzt Grenzen eher, bist präsenter in Beziehungen. Jetzt werden wir kognitiv Leistungsfähiger, das was manche Mentaltraining eigentlich verspricht.
Nicht, weil das Leben dann stressfrei ist, sondern weil du mehr Wahlfreiheit bekommst, statt automatisch in alte Programme zu rutschen.
Die Kombination macht’s: Erst Regulation – dann mentale Übungen
Ich arbeite deshalb gern körperorientiert – nicht als Ersatz für Mentaltraining, sondern als Fundament dafür. Der Verstand bleibt wichtig: um zu verstehen, einzuordnen, Muster zu benennen, neue Entscheidungen zu treffen, Ziele zu klären. Aber wenn wir ihn zu früh einsetzen, versucht er manchmal, einen Zustand zu überreden, der biologisch bereits entschieden hat: Alarm. Autsch.
Die Reihenfolge ist entscheidend. Zuerst braucht es oft einen Schritt in Richtung Sicherheit und Regulation. Dann wird Mentaltraining wieder wirksam: Visualisierung, neue innere Dialoge, konkrete Umsetzungsschritte. Dann entsteht nicht nur ein kurzfristiger Erfolg – sondern eine Veränderung, die auch in schwierigen Momenten hält.
Wenn du dich also in diesem Satz wiedererkennst: „Ich weiß es eh, aber ich mache es nicht“ – dann nimm das als Hinweis, nicht als Urteil. Vielleicht arbeitest du bisher auf der richtigen Ebene, aber in der falschen Reihenfolge. Veränderung ist selten ein Durchbruch, sondern ein Prozess: bemerken, regulieren, neu wählen, wiederholen. Realistisch, machbar, ohne Perfektionsdruck. Kannst du dir erlauben, dass es genau so laufen darf?
Zum Abschluss eine einfache Selbstreflexion, die du direkt in den Alltag mitnehmen kannst: Wenn du das nächste Mal merkst, dass du in ein altes Muster rutschst, frag dich nicht zuerst „Was sollte ich denken?“, sondern: „Was passiert gerade in meinem Körper – und was würde mir jetzt helfen, wieder mehr Sicherheit zu spüren?“
Das ist oft der Beginn von echter, nachhaltiger Veränderung.
Welche Gedanken gehen dir gerade durch den Kopf? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Berichte mir gerne oder schreibe mir eine E-Mail an kontakt@michaela-brugger.com und ich tausche mir gerne mit dir aus.
Deine
Michaela Brugger




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